Drittes Kapitel
Sinnsuche und Selbstfindung
Standesherrschaft Muskau 1784-1825
Seit der Erfindung der Kochkunst essen die Menschen doppelt so viel, wie die Natur verlangt.
Benjamin Franklin
Hermann Graf von Pückler wurde 1785 gezeugt und geboren, die Hochzeit seiner Eltern fand im Dezember 1784 statt. Heinrich Ludwig Traugott Wolff, von 1767 bis 1824 treuer Diener, kompetentes „Mädchen für Alles“ und Vertrauter zweier Callenbergs und dreier Pücklers, berichtet darüber in seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen auf 13 Quartseiten ausführlich.
„den 27. Dec. Vermählungs Tag Mittags ward an 3. Table ronds* gespeißt [es folgt die Sitzordnung für 2 Tische zu je 12 Personen und 1 Tisch mit 6 Personen]. Abends ward an einer bunten Reyhen Tafel in Hufeisenform gespeißt. bey der Tafel serviren Kruschwitz, Allemany, Burckhard, Böhme, Haag, Jaenichen, Johann, Pilenz, Richter, Marcko, Liedeck und Ladusch. Zwei Schützen-Hauptleute und Oberförster Wagler sind hinter meinem Stuhle. Die Tafel wird servirt in zwey Gängen, jeder Gang zu 8 großen Schüsseln und 6 Assietten. den 2ten Gang holen 12. Schützen unter Anführung des Adjutanten und bringt die übrigen zurück in die Küche, wobey mit Windlichtern vorgeleuchtet wird. Auch das Dessert wird auf Dieselbe Art aufgetragen.“ [Es folgt die Sitzordnung für 56 Personen].
Unter Schüsseln haben wir uns sowohl Suppenschüsseln als auch flache Bratenplatten verschiedener Größe vorzustellen, also Serviergefäße für unzerteilte Speisen schlechthin. Eine Assiette war nach Johann Georg Krünitz’ Oeconimischer Encyklopädie „(...) eine Art von Schüsseln, welche etwas tiefer, jedoch größer, als gewöhnliche Teller, sind, in welchen man Salate, eingemachte Sachen, Obst, Confituren, u. d. m. aufsetzet und präsentiret.“
Für den „29. Dec.“ notiert Wolff: „Da der hiesige Koch die Arbeiten zu bestreiten nicht vermögend war, auch zum serviren und bedienen gebraucht wurde, so besorgte der Koch Richter aus Oegeln [bei Beeskow] die Kocherey – Beylage seyner Küchenzettel.“
Die Küchenzettel fehlen leider. Auch eine Art Kochbuch, von dem Wolff im Januar 1822 berichtet „Ein Rezeptbuch – von Küche – Wirthschaft – Medicin welches der Herr Graf Joh: Alexander Callenberg gesammlet und großtentheils eigenhändig geschrieben hat – an die Frau Gräfin überbracht und ihr verehrt“, war nicht aufzufinden.
Aber Brillat-Savarin überlieferte uns in der Physiologie des Geschmacks die Bestandteile eines Mittagessens um 1740, das ebenfalls aus zwei Gängen – oder Trachten – und dem Dessert bestand. Bestandteile desselben waren: „1. Gang: Suppenfleisch, eine Entrée von Kalbfleisch in seiner Brühe gekocht, ein Hors-d’œuvre; 2. Gang: ein Truthahn, Gemüse, Salat, eine Crême; Dessert: Käse, Früchte, Eingemachtes.“
Das heißt, in etwa dieser Reihenfolge wurden der Callenberg-Pücklerschen Hochzeitsgesellschaft zweimal 14 Speisen serviert und danach das Dessert. Man bediente sich selbst quer über die Tafel hinweg, oder ein Trancheur legte die Fleischportionen vor. Mehr erfahren wir zum Speisezettel nicht; wir erfahren immerhin, wie getafelt und gefeiert wurde. Das Fest scheint ein eher besinnliches Fest gewesen zu sein, wie es sich in einem Hause schickte, das von Aufklärung und Pietismus geprägt war, mit vielen Reden, Huldigungen, Fackelumzügen, Feuerwerken, Gesellschaftsspielen und Geschenken an die Untertanen. Viel Aufhebens wurde ansonsten nicht gemacht; die Ehe der 14jährigen Komtesse Clementine von Callenberg mit dem 16 Jahre älteren Reichsgrafen Erdmann von Pückler war eine reine Zweckehe.

Es gibt keine bessere Investition,
als Milch in ein Baby zu füllen.
Winston Churchill
Wie eine andere Zweckehe zustande kam, ist für unsere gastronomischen Betrachtungen insofern von Interesse, als die Beschreibung zeigt, wie es anderswo an einer fürstlichen Tafel des 18. Jahrhunderts zuging und wie der gastronomische Stammbaum eines gegen Ende der Aufklärung Hochwohlgeborenen in der Regel aussah.
Die Markgräfin von Bayreuth, Schwester Friedrichs der Großen, berichtet in ihren Memoiren neben vielerlei anderem Klatsch und Tratsch von einem Gastmahl, das sie inszenierte, um eine für das Haus Bayreuth wichtige Verbindung einzufädeln. Ihre Schwägerin Charlotte, von der sie sagt, „sie war so verrückt, daß sie hätte müssen eingesperrt werden“, sollte mit dem „ebenso närrischen Herzog von Weimar“ verkuppelt werden. Nachdem sie bereits „die Prinzessin, welche schön wie ein Engel war, nach besten Kräften hatte adonisieren lassen“, setzte sie ihren Plan ins Werk. „Von Mittag an begann ich meine Karten vorzubereiten. Ich ließ alle lärmende Musik zusammensuchen, die ich nur auftreiben konnte, Trompeten, Pauken, Schalmeien, Fagotts, Posaunen, Waldhörner, kurz, was weiß ich, die uns die Ohren so zerrissen, daß wir fast taub wurden. Mein Herzog gerieth bald in seinen Anfall von Tollheit. Er gab diese in vollstem Maaße kund, so daß man ihn für besessen hätte halten können. Er sprang vom Tische auf, schlug selbst die Pauken, kreischte auf der Violine, hüpfte und tanzte und trieb alle nur möglichen Thorheiten. Nach der Tafel führte ich ihn ... in mein Cabinet.“ Dort nötigte sie dem närrischen Herzog mit Hilfe einiger Verbündeter, Unmengen Alkohols und eines Wortschwalls, „daß mir die Kehle furchtbar weh that“, tatsächlich ein Heiratsversprechen ab. Die Verlobung wurde umgehend mit Kanonendonner bekannt gemacht, und nach nochmaligen zermürbenden Komplikationen am nächsten Tag wurde am übernächsten Hochzeit gehalten.
Aus Kindheit und Jugend Hermann von Pücklers, geboren am 30. Oktober 1785, gibt es – siehe oben – keine Berichte, die Auskünfte über die Muskauer Schloßküche enthalten; die kulinarische Kinderstube Pücklers zu erkunden, ist uns leider nicht vergönnt. Leopold Schefers Biograph Lüdemann berichtet lediglich davon, daß Lubisch der verunglückten Großmutter Schefers eine letzte Mahlzeit brachte. – Leopold Schefer war ein Jahr älter als Pückler und starb, ebenfalls im Februar, neun Jahre vor ihm. Die beiden wohnten unweit voneinander, hatten gleiche Lehrer, freundeten sich an und lernten sich gegenseitig schätzen. Pückler wurde zum Mäcenas seines Jugendfreundes, gab 1811 dessen ersten Gedichtband heraus, 1813 seine ersten Kompositionen, später ernannte er ihn zu seinem General-Inspektor. An der Seite Pücklers lernte auch Schefer die Genüsse der Tafel schätzen, entschied sich jedoch, zunächst notgedrungen, in der Folge bewußt, für die einfache, bodenständige Küche. Seine gastronomischen Kenntnisse hat er mehrfach literarisch verarbeitet.
Doch zurück zu unserem Protagonisten: Das Kind wurde lieblos behandelt, 1792 zu den Herrnhutern nach Uhyst gegeben, 1796 nach Halle auf das Pädagogium geschickt, von Mai bis September 1798 nach Dessau. 1802 wurde der Siebzehnjährige Student der Rechte in Leipzig. Er brach das Studium jedoch bald ab, um 1803 in Dresden sein anekdotenreiches Intermezzo als sächsischer Leutnant zu beginnen. Eine Lücke in Pücklers Lebenslauf von Dezember 1804 bis Juni 1806 ist nicht zu besetzen. 1806 floh er vor seinen Gläubigern und dem verärgerten Vater über Muskau nach Wien und weiter nach München, hatte dort 1807 ein berühmtes Duell und ein „schreckliches“ Erlebnis mit einem Stück Rindfleisch. An seinen Freund Freiherrn von Welk schrieb er am 19. Januar 1808: „Mein tägliches Brot habe ich für 12 Florin monatlich accordirt*. Du kannst denken, daß ich keine lukullische Mahlzeiten halte; gestern habe ich mir auf ein Haar an einem Stück Rindfleisch einen Backenzahn ausgebissen.“
Im November 1808 teilte er Wolff seinen Entschluß mit, „unter fremdem Namen [s]ich in der Welt durchzubringen“. Er ging auf seine „Jugend-Wanderungen“. Seine kulinarischen Erfahrungen von dieser Reise und anderen teilte er später – wir kommen noch darauf – in seinem Bestseller Tutti frutti mit.
So frißt’s Würmlein frisch Keimlein-Blatt,
Das Würmlein macht das Lerchlein satt,
Und weil ich auch bin zu essen hier,
Mir das Lerchlein zu Gemüthe führ.
Johann Wolfgang von Goethe
1810 kehrte Pückler zurück von den „Jugend-Wanderungen“. Auf dem Heimweg soll er Goethe in Weimar aufgesucht haben und von ihm bereits in seinen gärtnerischen Ambitionen bestärkt worden sein, aber das ist wohl eher eine „getürkte“ Anekdote. Während eines Berlin-Aufenthalts 1811 starb der Vater und der 25jährige Graf Hermann von Pückler wurde Besitzer der Standesherrschaft Muskau. Vorerst gab es für ihn keine Ruhe. Er übertrug seine Geschäfte dem Jugendfreund Schefer und zog in den Krieg - gerade noch rechtzeitig, um von dem großen Sieg über Napoleon profitieren zu können. Muskau litt unter Typhus, Hunger, Einquartierungen und Requirierungen; Verhältnissen, die Schefer „dreißigmal schlimmer als der Dreißigjährige Krieg“ nannte. Der Weinkeller wurde geplündert, doch man ließ sich das Leben „bei Hofe“ nicht verleiden, und Wolff vermerkte 1813, „Dec.: Discusion mit den ViceGraf Schefer mündlich und schriftlich über große Consumtion.“
1814 reiste Pückler zum ersten Mal nach England und hielt dort auf Anraten Wolffs zum ersten Mal – erfolglos – Ausschau nach einer reichen Braut. Ende April 1815 kehrte er zurück, bereits am 1. Mai erließ er seinen berühmten Aufruf „An die Muskauer Bürger“ und begann mit der Umgestaltung des Schlosses und seiner Umgebung. Auch seine Suche nach einer vermögenden Braut war nun endlich von Erfolg. Seine Wahl war auf Lucie Gräfin von Hardenberg, geschiedene Gräfin von Pappenheim, Freiin von Hardenberg (1776-1854) gefallen, die vermögende Tochter des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg. Sie brachte ihre Töchter Adelheid und die skandalumwitterte Helmine mit in die Ehe, die Pückler verständlicherweise noch mehr reizten als die Mutter. Aber das ist eine andere Geschichte. Im November 1816 fand die Verlobung statt, im Oktober 1817 wurde Hochzeit gehalten, Lucie war 41, Pückler 32 Jahre alt. Mit Lucie haben wir eine weitere wichtige Person im Leben Pücklers vorgestellt. Pückler nannte sie „Schnucke“. Der Gleichklang von „Schnucke“ und „Glucke“ macht sein Verhältnis zu ihr deutlich. Anfangs spät erkorene Ersatzmutter, war sie jedoch bald Pücklers echte Gefährtin, Ratgeberin, Helferin und der Haltepunkt in seinem bewegten Leben.

Foto © Geldscheinsammlung München
Mit dem Tod seines Vaters wurde Pückler auch Erbe eines riesigen Vermögens. Daß dazu ein stattlicher Schuldenberg gehörte, belastete ihn kaum, denn das war mehr oder weniger so üblich. In den Briefen an seine Braut Lucie ist denn auch viel von zu Beseitigendem und Erbauendem, von Kutschen und Pferden, von Möbeln, Tapeten, Geschirr, vor allem anderen aber von Geld und immer wieder Geld die Rede.
In ungetrübter Vorfreude auf die reiche Mitgift seiner Braut griff der Bräutigam in die Vollen, wurde Lucie schon vor der Hochzeit seine wichtigste „Sponsorin“. So orderte er – um nur ein paar Beispiele zu nennen – in England eine Equipage für 2.000 Pfund; ließ sich „Teppiche für 3.000 Mark Banco“ kommen; engagierte für 50 Taler jährlich, freie Wohnung, Holz, Licht und alle drei Jahre eine neue Kutte als Attraktion für den – noch kaum vorhandenen – Park einen Einsiedler, einen sogenannten Schmuckeremiten, englisch: ornamental oder garden hermit; und wie weit er mit einem „Zuschuß“ von 2.000 Talern, von dem 500 für Kunstankäufe vorgesehen waren, gekommen sein könnte, kann sich jeder selbst ausrechnen, der weiß, daß für eine Lieferung von Statuen allein Portokosten von 500 Talern zu Buche schlugen. Für „Kleinkram“ wie Paneele, Spiegel, Lüster oder Wandlampen gab der Schloßherr in nur zwei Monaten über 3.600 Talern aus.
Selbst seine sonst so milde Biographin Ludmilla Assing urteilt ausnahmsweise harsch: „Diese Briefe eines Bräutigams dürfen schwerlich den Anspruch machen, Liebesbriefe genannt zu werden.“ Die beiden „jungen Leute“ befanden sich in der vorteilhaften Lage jener Erben-Generation, welche die Früchte der erwerbenden, mehrenden und bewahrenden Vorfahren uneingeschränkt genießen kann. Zwei Verschwender hatten sich gefunden und versuchten wie Kinder, denen das Wasser durch die Finger rinnt, mit ihrem Einkommen „hauszuhalten“ – eine Unternehmung, die lebenslänglich dauerte und, wie man weiß, immer wieder schief ging. Erst das Alter zwang den Fürsten, etwas kürzer zu treten. Die Geldnöte des Paares gingen so weit, daß es in der Ausgabe von privaten Banknoten Zuflucht suchte – ein Versuch, der jedoch ebenfalls mißlang, weil man die beiden zu gut kannte und ihrem Geld mißtraute.
Dabei war Pückler durchaus kein armer Mann, und das wußte er auch. Auf das Bewußtsein, niemals wirklich arm sein zu können, gründete sich auch sein sorgloser Umgang mit seinen Finanzen. Er war reich, hatte aber immer zu wenig Geld. Er hat auch Muskau später nicht verkauft, weil ihn die Schulden von sage und schreibe 650.000 Talern drückten, sondern weil er keine Kredite mehr bekam.
Das Tafelsilber war seinem Zugriff entzogen, weil der Vater es in einem Silber-Fidei-Kommiß* gesondert vererbt hatte. Das Tafelsilber diente von jeher auch als Wertanlage, war „eiserne“ Reserve und wurde nur in der äußersten Not „versilbert“, d. h. zu Geld geprägt. Von Sammlern gesucht sind die sogenannten „Belagerungsmünzen“. Mit dem Besteck lag quasi bares Geld auf dem Tisch, für alle Fälle und zur Repräsentation des Reichtums. (In Ermangelung von Silberbesteck – man benutzte damals noch keins – ließ Jakob Fugger II. sich zum Renommieren Geld auf das Dach seines Schatztürmchens nageln. Im Kapitel „Branitz“ kommen wir noch einmal darauf zurück.) Weil es geldwert war, wurde Besteck auch oft und gern gestohlen. Noch im 20. Jahrhundert wurde in einer Moritat ein verzweifeltes Dienstmädchen besungen, das „ihrer guten Dienstherrschaft“ für den Geliebten „zwei silberne Blechlöffel“ stahl. Die Bestecke wurden deshalb zumeist monogrammiert oder einfach durchnumeriert.
Laut Testament erbte der Graf Pückler 1811 von seinem Vater durchschnittlich 12lötiges Tafelsilber im Gewicht von 295 Mark und 3 1/2 Lot, etwa 69 Kilo, bis zur letzten Schöpfkelle genau verzeichnet und geschieden in solches mit und jenes ohne Wappen. Der Fürst Pückler vererbte 1871 glatte 300 Mark Silber. Aus der Mark Silber 750/1000 fein wurden in Preußen 14 Taler geprägt, also waren Geschirr und Eßbesteck aus Silberblech hier runde 4.200 Taler = 560 Kühe wert; in Sachsen waren es ein paar mehr. An Tafelgeschirr aufgezählt sind 60 flache Speiseteller, 30 mal Messer und Gabel, 41 Löffel, 8 Salzfäßchen mit 8 Löffelchen, 1 Zuckernapf mit Glaseinsatz und Zuckerstreulöffel, des weiteren Lerchenspieße, Vorlegebestecke, Präsentierplatten und dergleichen.
Der Kuchen der Großen ist groß und ihr Messer lang.
Leopold Schefer
Das Besteck lag sicherlich nicht auf bei jenem Ball, den Pückler im Februar 1816 gab. Die Anekdote ist zwar überbeansprucht, aber für die, die sie vielleicht doch noch nicht kennen, und weil sie viel zu schön ist, um übergangen zu werden, wollen auch wir sie zitieren. Und wo, wenn nicht in unserem Buch, sollte sie überhaupt zitiert werden?
Was Pückler an den Grafen von Spiegel schrieb, erinnert an das barocke Tafeln, wie wir es durch die Schwester Friedrichs des Großen bereits kennen gelernt haben. Pückler hatte in der Provinzzeitung öffentlich jedermann zu einem Maskenball eingeladen mit der ausdrücklichen Bedingung, sich nicht zu demaskieren, auch nicht beim Essen. Weiter Pückler selbst:
„Damit Alle bei einem Soupé* versammelt sein könnten, hatte ich das Theater in einen Saal umgewandelt, Tische von Brettern für eine Anzahl Personen darin zusammenschlagen und, um mich der Ökonomie zu befleißigen, die um die Tische laufenden Bänke mit den schwarztuchenen Leichentüchern beschlagen lassen, die in unserer Familiengruft aufbewahrt und zur Beerdigung des jedes Mal, respective selig verstorbenen Herrn, schon, glaube ich, seit sehr langer Zeit gebraucht worden, denn die Motten hatten sie bereits stark angenagt.
Ich selbst hatte mich krank gemeldet und sah aus einer loge grillée* dem Spektakel zu. Wie tölpisch sich das gute Volk benahm, ist gar nicht zu beschreiben, und da ich mit Fleiß alles auf englische, hier völlig unbekannte Art eingerichtet hatte und servieren ließ, so wurde die Konfusion komplett. Meine schönen englischen Kristallgefäße befanden sich aber sehr schlecht dabei, denn ihre Stunde schlug meistenteils an diesem verhängnisvollen Tage. Eine prächtige Punschbowle dieser Art, mit glühendem Tranke gefüllt, zerschmetterte ein Elegant, indem er, sich zu eilfertig hinzudrängend, gerade mit dem Gesicht hineinstürzte, so daß alle Umstehenden verbrüht wurden und mehrere Damen einen kleinen Schrei des Erschreckens ausstießen, der mein fühlendes Herz in der Loge beängstigte. Nach mehreren possierlichen Unglücksfällen dieser Art, während welcher das ungeheure Gedränge das Tanzen fast unmöglich machte, um so mehr, da ich den Musikanten befohlen hatte, zuweilen aus einer Ecossaise in einen Walzer, Symphonie oder Marsch überzugehen, wobei der Kampf der Tanzenden mit der Musik bald nachgebend, bald widerstrebend, ein seltsames Schauspiel darbot – trat endlich die Stunde des Souper ein. Gegen das Ende desselben ließ ich durch meine Getreuen mißbilligend verbreiten, daß die Gäste eigentlich auf Leichentüchern säßen, die noch kürzlich Leichname umhüllt hätten, und ein verwirrter Mensch wie ich leicht fähig wäre, auch ein Ragout von Leichen aufzutischen. Jeder griff bestürzt unter sich, und als er das modrige Tuch fühlte, fuhren Viele ganz entsetzt in die Höhe. In diesem Augenblick erzeigten mir die Mäuse einen Dienst, den ich ihnen nie vergessen werde. Durch eine alberne Anlage meiner Vorfahren befindet sich gerade über dem Theater ein Kornboden. Durch diesen ging der Strick, an welchem der altmodische Kronleuchter des Theaters hing. Diesen Strick nun müssen die Mäuse zerfressen haben, denn in dem Augenblicke, wo es bekannt wurde, woraus die Gefäße der verehrten Gesellschaft beständen und wo jeder schon mit Schauer Leichengeruch zu wittern meinte, stürzte mit einem fürchterlichen Geprassel der alte Kronleuchter auf die Mitte der Tafel. Nun war kein Halten mehr, alles wogte zum Ausgang hin, und ein mit seltener Geistesgegenwart von mir angeordnetes Feuergeschrei machte mein Haus in weniger als fünf Minuten zur Einöde. Ich hoffe, mich durch die Fête um diese Provinz verdient gemacht zu haben, denn längerer Stoff zu Kaffe-, Visiten- und Bierkränzchen ist ihnen gewiß seit lange nicht vorgekommen.“

1817 berichtete er Lucie von einem „Abfütterungsball“, bei dem er 100 Gedecke auflegen und bis fünf Uhr morgens ein recht seltsames Partygetränk ausschenken ließ: Bouillon mit Madeira. Das Ganze kostete – „für die ehrlichen Muskauer nur zu gut“ – alles in allem 140 Taler. Die Bälle bereiteten ihm viel Vergnügen. Er delektierte sich an dem natürlichen Charme der Muskauer Mädchen, und für eine, die ihm besonders gefiel, bestellte er bei Lucie ein Ballkleid und ließ sie hübsch herrichten, faßte sie als Mädchen für Lucie ins Auge ....
Lucie beäugte und bemängelte mißtrauisch seine Ballrechnungen und fand beispielsweise heraus, daß in einen Punsch merkwürdig viele der teuren Zitronen hineingeraten waren; im Kapitel „Von der Kocherey“ war davon schon kurz die Rede. Im Kavalierhaus gab es oft Theater. Man spielte fast nur Stücke des Erfolgsautors August von Kotzebue, also Amüsantes, leicht Konsumierbares, den Geist nicht allzu Beschwerendes.
Es war eine Zeit, auf die ebenfalls paßt, was Schefer um 1813 dichtete.
„Wir hatten alle Beutel voll
Und lebten flott vom Baaren.
So ging’s begeistert, lieblich, toll,
Doch schwer, bei schönen Jahren.“
Wie die gewöhnlichen Tage aussahen, beschrieb Pückler wie folgt. „(...) um 12 Uhr das kalte Frühstück mit englischem Zubehör, Reiten, Fahren, und im Park die Arbeiten in Augenschein nehmen bis 7 Uhr, Toilette bis ½ 8 Uhr, gegen 8 Uhr das Diner, dann Unterhaltung und Thee bis 12, wo ich regelmäßig zu Bett gehe, und um 10 früh wieder aufstehe. Sind Geschäfte, so werden sie zwischen Frühstück und Diner alle abgetan.“
Gelegentlich variierte er den Tagesablauf, vermutlich nicht ohne Hintersinn, denn von einem Aufenthalt auf dem Jagdschloß bei Weißwasser berichtete er seiner Braut: „(...) die Nacht lese ich, am Tage in der Hitze schlafe ich, und den Abend von 5 bis 10 Uhr bringe ich im Walde zu. Um 10 wird erst diniert, eine neue sehr zweckmäßige Mode, die aber meine Mutter und Schwestern und Schwäger zur Verzweiflung brachte. Meine Schwäger besonders brachten den größten Teil des Tages in der Küche zu, um verschiedene à comptes* auf die Mahlzeit zu sich zu nehmen.“
Aus einem Brief aus jener Zeit erfahren wir auch zum erstenmal etwas über kulinarische Vorlieben Pücklers. Er schrieb am 29. August nach Muskau: „Ich komme also den 1. Abends nach Muskau, wo ich ergebenst bitte alle Schloßlaternen anzuzünden, und ein gutes Kaminfeuer in allen Stuben parat zu halten, so wie ein gutes Diner, bestehend aus den Speisen, die Heyne am besten zu machen versteht, worunter Rindfleisch mit gelber Sardellensauce und fritures à la Bechanelle* gehören.“
Hier finden wir auch zum erstenmal in einem Brief Pücklers den Namen eines Kochs erwähnt. Die Sardellensauce kommt im „Menü à la Pückler“ noch einmal zu Ehren.
Ende 1817 sollte es mit dem Eheleben ernst werden. Lucie zog auf Muskau ein, Pückler ging prompt auf Reisen. Er hatte ja nun wieder wen – Schefer befand sich auf dem Weg in den Orient –, der sich um Muskau kümmerte.

Die Politik ist aus ohne Koch, Küche und Keller!
Leopold Schefer
1818 reiste der Graf zum Aachener Kongreß. 1822 wurde er zum Fürsten ernannt und gab als solcher einen bemerkenswerten „Einstand“. Wir zitieren wieder Wolff: „18. Aug. Verdrüßliche Unterhandlung mit dem Bedienten Linke, den der Fürst geschlagen hatte – und der deshalb klagbar werden wollte ...“
Was den Fürsten so außer Fassung brachte, überlieferte Wolff leider nicht. In anderen Einträgen und andere Personen betreffend ist in seinem Tagebuch aber zweimal von Diebstahl die Rede: Einmal entwendeten zwei Bediente Wein, ein andermal wurde Besteck gestohlen.
1823 finden wir den Fürsten in Berlin. Er nahm dort an den Feierlichkeiten anläßlich der Hochzeit des preußischen Kronprinzen mit der Prinzessin Elisabeth von Bayern teil, von denen er u. a. berichtete: „Bei den vorgestrigen Feierlichkeiten sind 20 Menschen erdrückt worden, und gestern beim Hofball war es im weißen Saale nicht viel besser.“
Pückler mochte solche Festlichkeiten ebensowenig wie große Gesellschaften. Teils wollte, teils mußte er dabei sein, doch immer klagte er darüber. Er beugte sich den höfischen Konventionen hauptsächlich ihrer Nützlichkeit wegen, entzog sich ihnen, so gut es ging, und wo ihm das nicht gelang, benutzte er sie, so gut er konnte.
In jedem Falle nahm er neue Ideen und Anregungen auf und teilte sie Lucie mit: „Als ich neulich beim Herzog [von Cumberland] aß, habe ich genau auf das Service Acht gegeben und auch hier gesehen, was ich auch in England mich gesehen zu haben erinnere, daß nämlich bei kleiner Gesellschaft die Bedienten auch bei Tisch in ihren Morgenjacken servieren (und nicht in Gamaschen). Das wird unsere Livreen sehr schonen, wenn wir es einführen. Die Jäger ohne Seitengewehr und Epauletten. Während des Essens werden bei jeder sauren oder süßen Schüssel, anstatt Silber, porzellainene Teller herumgegeben, (und auch die Schüssel ist natürlich von Porzellain) wenn sie auch unmittelbar nach der Suppe kommt, worauf der Dirigierende ein wachsames Auge haben muß. Mit dem Wein ist die französische Mode angenommen, nach der Suppe Madeira oder Xeres* in Gläsern herumzupräsentieren [was heute ein gastronomischer Mißgriff wäre], während des Essens Rheinwein oder Burgunder, zum Braten Champagner. Hierbei muß beobachtet werden, daß der trockene Wein in Gläsern auf dem Brett präsentiert wird, der Champagner aber, wenn er mousseux ist, erst vom Kammerdiener eingeschenkt wird, nachdem er angeboten und angenommen ist, damit er nicht verfliegt, wie es bei uns auch geschieht. Bei größeren Diners bin ich deiner Meinung, daß es besser ist, so zu serviren wie vorigen Sommer. [?]
Halte nur recht genau auf reine Gläser und schön geputztes Silber. Daß wir übrigens zwei Kammerdiener behalten, ist für die Schicklichkeit des Hauses sehr gut, da in der Tat es ohne sie sowohl beim Präsentieren des Kaffees als bei Tisch, wo doch notwendig einer für die Speisen und einer für den Wein sein muß, gar nicht dezent aussehen kann. Sollte ich in’s Bad gehen, so lasse ich Dir beide.“
Pückler lernte durch Nachahmung, holte nach, was er in der Kindheit versäumte. Selbst kein Erfinder, war er originell in der Aneignung und Umsetzung von Trends, die zwar viel kosteten, letztlich aber doch nur Ausdruck seines zwanghaften Perfektionismus waren. Bei der Einrichtung des Schlosses folgten Pückler und Lucie der Mode und richteten sich überwiegend mit englischen Möbeln ein. Man würde ihre Einrichtung heute wohl am besten mit dem Begriff „Patchwork-Style“ charakterisieren. Vor allem praktisch und bequem mußte sie sein. Am 6. Mai 1817 schrieb Lucie an Pückler: „Ich liebe das Beständige in den Grundrissen, die Veränderung in der Verzierung.“
Lucie hatte sich zu einer kongenialen Partnerin entwickelt. Das Hermannsbad im südwestlichen Teil des Muskauer Oberparks war allein ihr Werk. Im Juni 1823 wurde es eingeweiht. Wolff notierte sich:
Am „22. Juny. War die erste Versammlung im Bade Saal. Koch Lubisch als Traiteur gab Table d’hôte* – zu welcher sich an 100. Personen einfanden. Die Person zahlte 8 Groschen mit Ausnahme des Weines – der aus der fürstlichen Kellerey zu haben war. Das ganze war sehr anständig und vergnügt. Abends war Ball sehr zahlreich. Das Entree war 8 Groschen.
29. Juny Einweihung des Bades – 13. an Zahl. Mittags war große Table d’hôte im Saal, wobey die fürstl Herrschaft selbst mit ihren geladenen Gästen erschien. Halb 2. Uhr versammelte sich die Gesellschaft im Schloße in dem Zimmer neben der Bibliothek. Von da ging man paar und paar zum Gesellschafts Saale, wo eine geschmackvoll servirte Tafel von 75 Couverts bereitet war – zu 8 Groschen die Person, mit Tafelmusik. Nach Tische ward der Caffée in einem ebenfalls dazu etablirten Zelte am herrschaftlichen Bürgerhause, dessen Umgebung mit Orangerie besezt war servirt.“
Der Traiteur ist ein traditioneller französischer Kochberuf. Ehemals ein Stadtkoch, danach der Modekoch des Adels und der höfischen Schickeria, ist er heute ein qualifizierter Küchenmeister oder Koch, der auch mit der Patisserie vertraut und in der Lage ist, ein Fest „standesgemäß“ zu planen und auszurichten. Früher wurde er von Adel und Großbürgertum, heutzutage wird er von allen, die gern gut essen und trinken, für Planung, Vorbereitung und Durchführung ihrer kleinen oder großen Feierlichkeiten und Anlässe „gemietet“. Der Koch aus Oegeln, der 1784 das Hochzeitsmahl ausrichtete, war möglicherweise ein Vorläufer jener Zunft, die sich v.a. nach 1789 zu entwickeln begann.
Ein weiteres mal taucht hier der Koch Lubisch auf. Von Pückler wurde er stets voller Hochachtung genannt. Um 1811 dichtete Schefer eine launige „Grabschrift auf Heinrich Lubisch“, den Inspektor des (Wald-)Bienengartens bei Sagar, die wohl auch auf Lubisch, den Koch, gepaßt hätte:
„Ganz umbauet den Sarg ihm mit Jungfraunhonig, ihr Bienen,
Denn der Schläfer im Sarg war euch Beschützer und Freund!
Daß gleich, wenn er erwacht, im erneueten Lenze zu fliegen,
Wie aus der Zelle die Brut, liebliche Nahrung er trifft.“
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