Fünftes Kapitel
Innere Einkehr und Vollendung
Park und Schloß Branitz 1845-1871
Wo Eitelkeit und Prunksucht anfängt,
hört der innere Wert auf.
Gottfried Seume
Fürst Pückler zog auf das verwahrloste väterliche Erbgut Branitz bei Cottbus, Lucie von Pückler hielt sich die folgenden sieben Jahre abwechselnd in Dresden und Berlin, hauptsächlich jedoch in Dresden auf. Schloßumbauten wurden vorgenommen, die Umgebung wurde, wie schon in Muskau, mit hohem Aufwand in einen Park umgestaltet, die Anlage des „Tumulus“ – des Grabmals des Fürsten – begonnen; eines monumentalen Erdhügels inmitten eines künstlich angelegten Sees.
Zur Frühjahrsmesse 1846 erschienen die zwei ersten Bände Die Rückkehr. Pücklers Ärger über seine durch Schefer „verstümmelten Manuskripte“ saß tief, die Schriftstellerei war ihm verleidet, und so konnte der dritte Band erst 1848 ausgeliefert werden. Er wandte sich wieder verstärkt der Landschaftsgestaltung zu.
Die Revolution von 1848 bedeutete auch für die Gastronomie/ Gastrosophie eine Zäsur. Der Adel am Anfang des 19. Jahrhunderts verzichtete vorsichtshalber auf alles Schrille, das Bürgertum, insbesondere Englands, hatte es nicht mehr nötig, weil es sich seiner selbst bereits genügend bewußt war. Man genoß französische Küche mit englischem Service – von allem das beste. Romantik und Biedermeier liebten das Intime, Besinnliche.
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wiederholte sich jedoch, was sich schon in vorangegangenen Kulturen ähnlich abgespielt hatte. Nach anfänglicher Bescheidenheit entwickelte sich aus der bürgerlichen Küche die großbürgerliche mit ebenso ordinärem Luxus, wie er vor allem aus den Berichten über die Materialschlachten der Römer, der Päpste des 16. Jahrhunderts, der venezianischen Dogen oder der absolutistischen Höfe bekannt ist.
Aus der Antike ist Petronius’ Satire Das Gastmahl des Trimalchio bekannt. Aus dem 16. Jahrhundert haben wir die herrlichen Schilderungen Hans von Schweinichens, der mit Herzog Heinrich von Liegnitz prassend und schuldenmachend kreuz und quer durch Deutschland zog, bis es dem Kaiser zu viel wurde: „Wir hatten daselbst ein herrliches Gesäufte“ ist der Satz, der zahlreiche Kapitel abschließt, auch den Bericht von der berühmten Hochzeitstafel zur Hochzeit Wilhelms von Rosenberg auf Krummau in Böhmen.
Man prahlte mit dem, was man hatte. „Der Herr Fugger führte IFG. im Haus herum spazieren, welches ein gewaltiges großes Haus ist, daß der Römische Kaiser auf dem Reichstage mit dem ganzen Hofe darin Raum gehabt hat. Da hat der Herr Fugger den Herzog in ein Türmlein geführet, darin hat er ihm von Ketten Kleinodien und Edelgesteinen, auch von seltsamer Münz und Stücken Goldes, als Köpfe so groß, einen Schatz gewiesen, daß er selbst saget, es wär über eine Million Goldes wert. Hernach schloß er einen Kasten auf, der lag bis obenaus mit lauter Dukaten und Kronen. Die gab er auf zweimalhunderttausend Gulden an, welche er dem König von Spanien durch Wechsel in sein Land ’nein machte. Darauf führte er den Herzog auf das Türmlein, welches von der Spitze an bis in die Hälfte nunter mit lauter guten Talern gedecket war. Saget, es wär ungefährlich 27.000 Tlr. anlangend. Damit bewies er dem Herzog große Ehr und beineben auch sein Macht und Vermögen.“
Es war die gleiche Zeit, in der Italiens Renaissancekultur mit bis dahin unvorstellbarem Luxus erblühte; in der ein venezianischer Patrizier das benutzte goldene Geschirr aus dem Fenster in den Kanal werfen ließ – in den er allerdings in der Nacht zuvor heimlich Netze hatte legen lassen, um sie später ebenso unbemerkt mit seinem Tafelgold wieder bergen zu können ...

Höfische Gelage endeten oft mit derben Scherzen. Bekannt ist der tragische Tod des Narren Friedrich Wilhelms I. oder der Scherz, den sich August der Starke mit einem Pagen auf der Festung Königstein erlaubte. Man soff bei jeder sich bietenden Gelegenheit, demzufolge waren die Unterhaltungen nicht eben geistreich; man zeigte sich gern seine Schatzkammern, aber kaum die Bibliotheken. Das Imponiergehabe des Barocks schleppte man noch bis weit in die Aufklärung hinein, nach französischer Revolution und Napoleonischer Herrschaft wich es bescheideneren Genüssen, mit der Restauration lebte es gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf. Dazu der Philosoph Friedrich Nietzsche in Morgenröte (1881): „Niemand will es [das Geld] unter den Scheffel, niemand möchte es auf den Tisch stellen; folglich muß das Geld einen Repräsentanten haben, den man auf den Tisch stellen kann: siehe unsere Mahlzeiten!“ Die Tafelkultur des Großbürgertums begann wieder derjenigen barocker Fürsten zu ähneln, um erst mit Escoffier dem Rationaleren der Neuzeit zu weichen. Pückler blieb, seinem Naturell gemäß, den intimeren, wenn auch nicht bescheideneren Tafelfreuden treu.
Ein intimes Diner sah so aus: „Diner am 28. [1846, Berlin] bei mir. Pour souvenir de ces dîners, qui sont ce qu’il y a de plus recherché à Berlin*, füge ich Personenliste und Küchenzettel einmal bei. Gäste, nach Kant’s Regel, nie unter der Zahl der Grazien, noch über der Zahl der Musen.
1) Ich
2) Fürst Palffy
3) Graf Arnim
4) Herr von Humboldt
5) Graf Henckel
6) Graf Alvensleben
7) Fürst Carolath
8) Graf Stollberg
9) Graf Nostitz
Diner du 28 fèvrier 1846
Les potages. Bisque d’écrévisses et Mock-Turtle. Les huitres du Holstein.
Les petit patés turcs au jus.
Le saumon du Rhin, sauce anglaise au beurre d’anchois.
Le cuissot de veau d’Hambourg sauce piquante.
La Dinde aux truffes.
Les cotelettes d’agneau à la purée de champignons.
Le pâté de perdreaux rouge de Toulouse.
Le rot de chevreuil.
La salade de laitue a la mayonaise.
Les asperges, sauce hollandaise.
Le B[P]ouding Royal.
La gelée au vin de Champagne.
Les fromages
Roquefort, Stilton, Cheschire, Gruyère, Strachino.
Les glaces
Fruit au naturel, mousse sicilienne.
Le dessert.“*
In Ludwig Tiecks Novelle Liebeswerben wird der Ursprung der „Kant’schen Tischregel“ bei den Griechen vermutet: „So verlangten es die Griechen,“ sagte der Küster Emmeran; „höher dürfte, behaupteten sie, die Gesellschaft nicht steigen, wenn die Grazien oder Musen zugegen bleiben sollten: daher nicht unter Drei, nicht über Neun. Wäre ich der Zehnte, und es hätte sich nicht ändern lassen, so würde ich freilich diesen Grundsatz nicht so unbedingt loben.“ Die Regel wird gelegentlich aber auch den Römern zugeschrieben, und in der Neuzeit soll sich ihrer außer Kant auch Friedrich der Große mit Erfolg bedient haben.

Erstaunlicherweise finden wir auch den „Herrn Humboldt“ unter den Gästen der kleinen Berliner Runde. Mit ihm begeben wir uns noch einmal kurz zurück, denn die Anekdote, die Pückler seiner Braut im September 1817 schrieb, charakterisiert seine Art, sich in der feinen Gesellschaft durchzusetzen, in der nicht einmal sein Schwiegervater ihn mit offenen Armen empfangen hatte. „Ich komme eben vom Diner bei Deinem Vater, wo ich eine ganz komische Szene gehabt habe. Schon früher sagte ich Dir, daß Humboldt mir nicht grün ist und mir es schon einigemal merken lassen hat. Heute ist bei Tisch von Hirt in Berlin die Rede, und ich erzähle ganz unbefangen, daß Schlegel von ihm gesagt habe, er sei der Hirt und das Vieh in einer Person. Hierüber skandalirt sich Humboldt gewaltig und fängt mit seiner maliziösen Miene an: ‚Das will mir nicht recht gefallen, das gehört zu den etwas groben bonmots, so was kann einem Schlegel wohl entfahren, aber wiederholen thut er es gewiß nicht.’ Aller Augen waren auf mich gerichtet, denn ich erröthete vor Zorn. ‚Herr von Humboldt’, sagte ich, ‚Ihre Autorität ist sehr zu respektieren; aber Sie haben doch unrecht nicht erlauben zu wollen, daß man auch Grobes wiederhole, wie dürfte man sonst unsere eben geführte Konversation wiedererzählen?’ Die Antwort war gewiß mehr derb als witzig; aber sie kam à propos, und machte den besten Effekt. Humboldt war wie auf’s Maul geschlagen, und erwiderte kein Wort. Jordan und Bernstorff, zwischen denen ich saß, lachten laut, und als Beweis, wie sehr man Humboldt haßt, sah ich es an, daß man mir nach Tisch von allen Seiten Komplimente darüber machte, dem allgemein Gefürchteten nichts schuldig geblieben zu sein. Mamsell Hähnel nannte mich sogar nach Tische Exzellenz, und Meister Altenstein entschuldigte sich, daß er mir noch nicht seine Aufwartung gemacht habe. Es ist wirklich mit den Menschen erbärmlich beschaffen, und seitdem ich alle die großen Leute so vom Nahen sehe, kommt mir alles wie Krähwinkel vor.“
Pückler berichtete in jenen Tagen viel Amüsantes über Kabale und Liebe aus Berlin, aber auch er führte alle Tage „einen Möppel oder einen alten Kater“ der Fürstin Taxis aus – es ging immerhin um einen lukrativen Gesandtschaftsposten ....
Wo Geschmacklosigkeit daheim ist,
wird auch immer etwas Roheit wohnen.
Marie von Ebner-Eschenbach
Nirgendwo deutlicher als bei Tisch erweist sich, ob ein Mensch Kultur hat, nirgendwo anders aber auch die Wichtigkeit von Regeln für den gesellschaftlichen Verkehr. Ein guter Gastgeber braucht auch gute Gäste, denn allzu oft setzt sich die menschliche Natur durch.
Die folgende Warnung entstammt einem Lehrbuch für Tafelwesen und Servierkunde von 1948: „Vorweg sei mit besonderer Betonung darauf hingewiesen, daß es ein Fehler ist, ein kaltes Büfett ohne Bedienung den Gästen zur Selbsthilfe zu überlassen. Die Erfahrung lehrt immer wieder – und dabei machen auch beste Gesellschaftskreise keine Ausnahme – daß diese Selbsthilfe fast stets zu einer Art Plünderung ausartet, bei der menschliche Gier und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitgästen in krassester Form in Erscheinung treten können.“
Eine solche Beobachtung hätte auch Pücklers Äußerung In Mehemed Ali’s Reich zugrunde liegen können: „Diese ganz genau festgesetzten Sitten haben ihre große Bequemlichkeit, sobald man einmal mit ihnen bekannt ist, und scheinen mir deshalb den europäischen vorzuziehen, wo man, außer in England, in welchem die Etikette auch genau geregelt ist, nirgends mehr weiß, was andere zu prätendieren* haben, noch was einem selbst zukommt, und immer in Verlegenheit ist, zuviel oder zu wenig zu tun.“
In einem Brief vom 28. Mai 1867 teilte Pückler seiner Freundin Ludmilla Assing seine „Branitzer Hausordnung“ mit und was diese regelte.
1) Vollständige Freiheit für Wirt und Gäste.
2) Jedermann steht auf, wann ihm beliebt und frühstückt, was er will und befiehlt, bequem auf seiner Stube.
3) Um 1 Uhr luncheon im Frühstückszimmer, dem jeder Gast beiwohnt oder nicht, ganz nach Belieben.
4) Wer ausfahren oder reiten will, bestellt es beim Hofmarschall Billy. Acht Pferde stehen dazu bereit.
5) Der einzige Zwang besteht darin, zum Diner um 9 Uhr zu kommen, wenn der Tamtam zum zweitenmal donnert. Nur Krankheit, die der liebe Gott verhüten möge, dispensiert von dieser Pflicht. Nach dem Kaffe ist jedes Menschenkind wieder frei.

Der Alltag in Branitz sah recht biedermeierlich aus. „(...) um Mittag erwache ich gewöhnlich, frühstücke nach vorläufigem Waschen im Bett und lese dabei Zeitungen und Journale bis gegen 3 auch 4 Uhr. Dann Toilette und Schreibestation bis 7 Uhr. Diner fast immer allein mit Lucie und Billy. Wozu ich wenig Appetit mitbringe. Nach Tisch eine Partie Schach mit Billy, dann drei Robber Whist à deux* mit der Fürstin, wobei stets viel gestritten wird. Zuletzt Konversation von einer Stunde bis zwei Stunden tête-à-tête mit Lucie. Dazu den Tag vier bis fünf Pfeifen Latakiah. Um 2 oder 3 Uhr zu Bett und anderthalb Stunden oder nach Umständen länger oder kürzer Lektüre im Bett. Vor 4 oder 5 Uhr lege ich mich selten auf’s Ohr, schlafe dann in der Regel gleich ein und stets mit anhaltenden, lebhaften aber meist unsinnigen Träumen bis Mittag, pour recommencer même chose*.“
Mit dem Erscheinen der tatkräftigen Ludmilla Assing waren jedoch harte Zeiten für den Langschläfer angebrochen: In den Tafelbüchern tauchten plötzlich Dejeuners auf, denn der Hausherr mußte sich bequemen, mit ihr auch vormittags zu arbeiten.
In Pücklers Aufzeichnungen finden sich immer wieder solche Tagesabläufe, die zwar je nach Umständen geringfügig differieren, aber zeigen, daß Pückler ein Nachtmensch war, über dessen skurrilen Lebensrhythmus sich die einfacheren Zeitgenossen wunderten. Darauf bezieht sich E.T.A. Hoffmann in der Erzählung Das öde Haus. Max von Boehn hielt in seiner Geschichte der Mode dazu fest: „Um sich von der arbeitenden Mittelklasse zu unterscheiden, bevorzugt die gute Gesellschaft die späten Stunden, ‚Morgen’besuche darf man in Paris nur von 2-5 Uhr nachmittags machen; zum Souper beim Grafen Lucchesini wird man um 2 Uhr des Nachts geladen; das Mittagessen nimmt man in London zwischen 6 und 7 Uhr abends, ja, Lady Giorgina Gordon läßt ihr Diner erst um 3 Uhr morgens servieren! 1807 beginnt in Wien ein Ball beim Grafen Palffy erst um 11 Uhr und endet um 8 Uhr mit dem Frühstück, dazu paßt es dann, wenn man in Hamburg zu Mittagessen vier Wochen vorher eingeladen wird.“
Der Gutsbesitzer Johann Gottlieb Koppe erzählt in seiner Lebensgeschichte: „Seine wunderliche Lebensweise störte mich nicht (....) Er schlief bis gegen Mittag und hielt die Hauptmahlzeit Abends um 8 Uhr, zu welcher ich täglich eingeladen wurde (...) Die Tischgesellschaft bestand nur aus vier bis fünf Personen. Die Unterhaltung war leicht und mehr interessant als wohltuend für mich, weil der Fürst sich darin gefiel, über die Dinge anders zu urteilen als die meisten Menschen, weniger, weil es seine Meinung war, sondern mehr, um zu widersprechen. So entsinne ich mich, daß er die staatliche Einmischung in die Sonn- und Festtagsfeier tadelte. Ich entgegnete, daß ich ihm eine andere Meinung beibringen wollte, wenn die Macht mir gegeben wäre, monatelang über seine Beschäftigungen zu gebieten und seine Kräfte durch angestrengte Arbeit in Anspruch zu nehmen. In dieser Lage befänden sich alle Menschen, die sich von ihrer Hände Arbeit ernährten, vorzugsweise die Dienstboten. Was wäre es für diese Leute traurig, wenn nicht nach sechs arbeitsvollen Tagen einer käme, wo sie wenigstens einige Stunden lang über die Verwendung ihrer Zeit selbst bestimmen, sich aus den beschmutzten zerrissenen Werktagskleidern in reine begeben, sich waschen und etwas erholen könnten. Selbst diese rein polizeiliche Betrachtung der Sonntagsfeier ließ er nicht gelten, sondern blieb dabei, daß es töricht sei, sie zu gebieten. An einem anderen Tage, wo das Gespräch auf die Reise des Fürsten im Orient kam und wo sich herausstellte, daß er viele Pferde und Personen zu seiner Begleitung gebraucht habe, richtete ich die Frage an ihn, wie er es angefangen habe, um für diesen Troß Quartier und Lebensbedürfnisse in allen Gegenden herbei zu schaffen. ‚Oh, nichts leichter als dies,’ war seine Antwort, ‚ich hatte einen Regierungsbefehl, wonach mir alles umsonst geliefert werden mußte.’ Als ich ihm darauf erwiderte, daß es mich wundere, wie er an den despotischen Maßregeln dieser demoralisierten Regierung habe Anteil nehmen können, sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln: ‚Sie ist nicht demoralisiert; die hiesige ist demoralisierter wie die türkische’. Außer mir war noch ein unmittelbarer Beamter der Regierung als Gast anwesend. Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, antwortete ich: ‚In dieser Äußerung erkenne ich Ew. Durchlaucht herausfordernden Scherz, womit Sie eine beredte Verteidigung der preußischen Regierung von uns hervorrufen wollen, da ich bestimmt weiß, daß sie nicht ernstlich gemeint ist.’ Der Fürst lachte darauf, und es konnte nun das Gespräch mit Ehren abgebrochen werden.“
Interessant ist hier auch die selten so detailliert zu findende Wiedergabe eines Tafelgesprächs. Zum Tafelgespräch allgemein sagt Blumröder mit Goethe: „Von rechts wegen soll eine gesellige Unterhaltung nur etwas mehr als ein Nichts sein. – Es ist aber schwerer, als mancher glaubt, nichts zu sagen. Auch haben die wenigsten Menschen (manche aber wider Wissen und Willen) diese hohe Stufe der Zivilisation erreicht. Die meisten betrachten Essen und Reden überhaupt wie Ein- und Ausatmen und mögen lieber gar nicht essen, wo sie nicht etwas sagen dürfen.“
Weiter rät er (Goethe) unter anderem: „Geraten Gäste in Disput, so rede man ja nichts drein. Wird man zu einem Urteil aufgefordert, so sage man: die Wahrheit liegt in der Mitte – und esse ruhig weiter. Während andre disputieren, hat man Gelegenheit, die schmackhaftesten Bissen zu Leibe zu nehmen“ – eine sehr einleuchtende Empfehlung.
Ein guter Tisch ist eine süße Folter,
Dem Thoren hold durch Wein und leckere Speisen
Auch sein geheimstes Denken abzulocken,
Ja selbst von sich und anderen zu lügen.
Wer da verschweigen kann – ist weiter her!
Leopold Schefer
Die Familie Hardenberg macht in Pücklers Aufzeichnungen und auch sonst in kulinarischer Hinsicht keinen guten Eindruck: „Mittags war ein Diner bei Deinem [Lucies] Bruder, wo es sehr gemein herging, schlechtes Essen, schlechter Wein, schlecht servirt, warmer Champagner, kalter Kaffee und Liqueur zum Dessert! Wie schade, daß der Himmel uns darben läßt, da wir so gut verstehen würden, etwas der Vollkommenheit sich Näherndes darzustellen.“
Eugen von Vaerst findet allerdings anerkennende Worte für den Kanzler Hardenberg als Gastgeber: „Einer derjenigen, die es am besten verstanden, gute Gäste um sich zu vereinen, war der Staatskanzler Fürst Hardenberg. Bei einem Diner fand ich da einmal die sonderbarste Gesellschaft, daß ich im Anfange aus solcher Mischung gar nicht klug werden konnte. Fast keiner der Gäste stand mit dem andern in einigem Verkehr, die meisten waren sich ganz fremd. Militärs, Zivilbeamte, Bankiers, Schriftsteller, Fremde, bunt durcheinander. Bei Tische fand sich dann sehr bald der Punkt gegenseitiger Verständigung; jedes Glied der Gesellschaft verstand mit raffiniertem Geiste zu genießen, es war das erfreulichste Mahl der Welt und ein wahrhaft klassisches. Nie werde ich die dem Kanzler so eigentümliche, fein vornehme, verbindliche Weise vergessen, mit welcher er unsere verständigsten Bemerkungen belebte und zu immer neuen ermunterte.“
Carl Eduard Vehse äußert sich in Die Höfe zu Preußen beinahe wörtlich im gleichen Sinne. Und Pückler berichtete aus dem Hause seines Schwiegervaters: „Unser Souper war recht sehr lustig, und die Gäste sind erst vor einigen Minuten fortgegangen. Collin hat gekocht, und recht leidlich, alle Dessertsachen vorzüglich. On a bu à huit personnes 12 bouteilles de vin, et mangé 600 huitres, ce qui est assez raisonnable*. Ich bin müde, gute Schnucke, und wünsche Dir eine gute Nacht; lustig bin ich manchmal hier, froh werde ich aber nicht eher sein, als in Muskau.“
Der Kanzler wußte, wie wichtig ein guter Gastgeber ist, der das Gespräch, im Wortsinne, zu führen versteht. Auf dieser Fähigkeit beruhten auch die Erfolge der Salons, deren charmante Gastgeberinnen vor allem diese kultivierten. Die Gastronomie spielte in den Salons eine untergeordnete Rolle, denn in der Regel gab es nur Tee und Gebäck. Pückler war, obwohl die meisten Zirkel eine Cliquenwirtschaft betrieben und ihre eifersüchtig gehüteten Stammgäste beanspruchten, in allen zu Hause.

Um Tisch-Geräusche anderer Art geht es bei der Tafel-Musik. Blumröders Bemerkungen zur Musik gehören unbedingt im Wortlaut hierher: „Wahre Musik, wie gediegenes Essen, nimmt den ganzen Menschen in Anspruch. Je besser das Essen, um so mehr zieht es die Aufmerksamkeit und das Interesse auf sich und von der Musik ab; je vortrefflicher die Musik um so mehr stört sie das Essen. Eins davon ist immer zu viel. Eine schlechte Musik aber ist nicht nur überhaupt und überall zu viel, sondern erweckt entweder gar kein Interesse, und dann ist sie umso überflüssiger, oder sie ist so schlecht, daß einem vor Schmerz jede Eßlust vergeht, und dann ist sie geradezu zweckwidrig. Sollte aber gar ein schlechtes Essen durch eine gute Musik übergoldet werden sollen, so würde kein Esser dadurch bestochen werden können, vielmehr das Unzulässige dieses Verfahrens mit gerechter Entrüstung zurückweisen. Herr von Rumohr rät eine lärmende Tafelmusik da, wo lauter dumme und zum Mißverstehen, Auffahren und Übelnehmen geneigte Menschen miteinander essen, verwirft sie aber in allen übrigen Fällen als schädlich und störend.“
Nach Ernst von Malortie darf man sie benutzen, um das Trampeln ungeschickter Bedienung zu übertönen. (Der Hofmarschall Malortie war einer der großen Autodidakten der Kochkunst und leistet wie Rossini oder Dumas auf diesem Gebiet Hervorragendes. Er hinterließ das für die großbürgerliche Küche wichtige Werk Das Menü.)
Eine ganz andere Funktion hatte die falsch spielende Musik bei dem übermütigen Bankett auf Leichentüchern 1816. – Man nennt es übrigens auch „Takt“, was den Umgang mit Menschen angenehm macht. Seinen Gästen Musik lautstark aufzunötigen, wie es heute leider üblich ist, gehört zweifellos zu den Taktlosigkeiten; mindestens.
Pückler hat sich nur selten über Musik geäußert, sie war ihm weniger wichtig, wenn nicht gar störend: „Überfluß gibt es hier nur an drei Dingen 1) den genannten Fliegen, 2) täglich servierten Forellen, 3) einer für zarte Nerven unaushaltbaren Musik, der von 6 Uhr früh bis 8 Uhr abends nie der Atem ausgeht“ – so Pückler 1860 aus Wildbad an Ludmilla Assing.
Eine andere Streitfrage entstand mit der zunehmenden Beliebtheit des Rauchens. Ab 1830 wurde das Rauchen Mode. Pücklers Idol Lord Byron besang die Zigarre – und Pückler rauchte sie natürlich. Nach seiner Orientreise wechselte er zur Nargileh, der türkischen Wasserpfeife. Leopold Schefer rauchte Pfeife und schnupfte, Dumas zelebrierte die Zigarette. Rauchen bei Tisch wurde allgemein geächtet, und man richtete dafür Rauchsalons und –zimmer ein. Aus der Sicht des Feinschmeckers ist das Rauchen reiner Frevel, weil es die Geschmacksnerven paralysiert. Franz Herre weist wohl zu recht darauf hin, daß die Geschmacksabtötung mit Hilfe von Tabak ursprünglich ein Akt der Selbsterhaltung war und in Europa von Engländern und Matrosen eingeführt wurde.
Bei Tische altert man nicht.
Grimod de La Reynière
... doch auch Feinschmecker sind nicht unsterblich; 1854 starb Lucie von Pückler. Im selben Jahr wurden die Tafelbücher des Fürsten Pückler begonnen.
Nach Jahren voller Tätigkeit und ausgedehnten Reisen war für ihn die Zeit der Seßhaftigkeit und häufiger kürzerer Reisen gekommen. Waren die Muskauer Jahre geprägt von Elternhaus, England und Welterfahrung, so waren es die Branitzer vom Orient und den Alterssorgen des Kinderlosen. In Branitz vollendete sich der Genießer. Pückler hatte sich qualifiziert, hatte mit Bauern gegessen, mit Bürgern gespeist, mit Kaisern, Königen und Geringeren getafelt; hatte auswärts gegessen, in Hotels, Restaurants, Gasthöfen, bei Freunden, Bekannten und Unbekannten, hatte, wie beim Anlegen seiner Parks, Augen und Ohren offen gehalten und alles Mögliche kennen gelernt.
Wie alle echten Gastrosophen war er ein Konservativer, der sich bemühte, das „Gewohnte durch Neubewährung zu erhalten und das bewährte Neue sich anzugewöhnen“ (Franz Herre). Eckart Witzigmanns „Schlemmerzirkus“ hätte ihn sicherlich amüsiert, aber schwerlich zur Nachahmung gereizt. Der Klamauk der Feste widerte ihn ebenso an wie die Orden, denen er einst nachgejagt war. Hatte er früher die Lustspiele August von Kotzebues favorisiert, so las er nun am liebsten die Gartenlaube mit den Fortsetzungs-Romanen der Marlitt.
Aus Anlaß der Feierlichkeiten zur Krönung Wilhelms I. zum König von Preußen im Jahre 1861 reiste Pückler nach Berlin und erhielt von dem neuen König den Titel „Durchlaucht“ zurück, den Friedrich Wilhelm IV. ihm wie allen anderen unter seinen Vorgängern ernannten Fürsten aberkannt hatte.
1863 besuchte der Fürst zum ersten Male seit seinem Fortgang wieder Muskau. Die Einwohner Muskaus, die seine Parkanlage einst sabotiert hatten, wo und wie sie nur konnten, begrüßten und feierten ihn nun enthusiastisch.
1864 teilte Pückler Ludmilla Assing von einem Aufenthalt in Berlin mit: „Berlin, sehe ich wohl, ist ein gefährlicher Ort für Geist und Körper! Dieser leidet bedenklich von der schlechten Küche der Hotels und der Ministertafeln, der andere zweifelt an sich selbst, wenn er erfährt, daß das ‚gebildetste Publikum der Welt’, also das Berliner, auch bei der fünfzigsten Vorstellung von ‚Flick und Flock’* noch immer zu schreiendem Entzücken begeistert wird.“
Einige Zeit zuvor, im Mai 1860, hatte er sie wissen lassen: „Es wäre mir ganz unmöglich, jetzt an den frivolen Geschichten meines so jugendlichen und damals so glücklichen leichtfertigen Lebens zu schreiben.“
Vielleicht dachte er dabei auch an jenes makabere Bankett auf Leichentüchern, von dem wir eingangs berichtet haben. Von einem Fest ganz anderer Art lesen wir in Ludmilla Assings Pückler-Biographie: „Wieder in Branitz angelangt, feierte Pückler seinen [63.] Geburtstag dadurch, daß er seinen Bauern und Arbeitern ein großes Fest gab, das mit Ball und Abendessen von 5 Uhr Abends bis 3 Uhr früh dauerte. Er hatte dazu ein großes Gebäude, den Zeughof, zu Eß- und Tanzsälen eingerichtet, alle Räume darin weißen lassen und mit Lampenguirlanden geschmackvoll verziert. Auch der Platz vor dem Zeughof war hell erleuchtet. Dieses Volksfest bestand aus mehr als hundert Personen, und der dreiundsechzigjährige Gastgeber hatte die herzlichste Freude an dem Jubel und der Fröhlichkeit, die rings um ihn herrschten, ja, er selbst tanzte drei Polonaisen mit durch den ganzen Pleasureground*, bei kaltem Sturmwind und hellem Mondschein, und als alles an der Tafel saß, trank er der Gesundheit seiner Gäste und ließ zweihundert Zigarren unter sie vertheilen, sie dann verlassend, damit sie sich ungestörter Heiterkeit hingeben konnten.“
Aus den Zeilen, mit denen Pückler das Ereignis in seinem Tagebuch reflektiert, spricht seine aus langer eigener Erfahrung gewonnene Erkenntnis, daß exzessiver Genuß und innere Zufriedenheit so verschieden sind wie ein Feuerwerk und ein wohltuende Wärme verströmender Kachelofen: „Diese Leute scheinen allein noch vergnügungsfähig zu sein, und durch welche geringfügige Mittel. Man muß es gesehen haben, um es zu glauben, daß Bier, Schöpsenbraten, Krautsalat und Kuchen nebst einem Tanz auf Ziegelsteinen eine solche innige Glückseligkeit vieler Stunden hervorbringen können. Was hat wohl da der stets überdrüssige Reiche vor dem Armen voraus?“
Wir erinnern uns an das „Geschäftsessen“ der Markgräfin von Bayreuth im ersten Kapitel. Zwischen beiden Schilderungen liegen rund 100 Jahre und kulturelle wie auch kulinarische Welten. Sie reichen von der Zeit ausufernden Gepränges im Barock bis zu den verfeinerten literarischen Zirkeln des Biedermeiers und der beginnenden Prasserei des heraufziehenden Industriezeitalters. Pückler verfolgte seinen eigenen Weg.
Getreu seiner Weigerung, die traurige Existenz eines Kohlstrunks zu führen, starb der Fürst Pückler in dem Bewußtsein, von allem gekostet zu haben, was das Leben ihm geboten hatte, am 4. Februar 1871.
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen