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Schriftstellerkollegen zu Gast
Das Thema „Fürst Pückler und die Schriftsteller(ei)“ wäre ein eigenes Buch wert. Es ist im Rahmen dieses Kochbuchs nicht möglich, auch nur die Namen all derer aufzuzählen und mit einer kurzen Notiz zu versehen, die in irgend einer Beziehung zu ihm standen. Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Seidel (nicht der Leberecht-Hühnchen-Seidel!), Leopold Schefer, Carl Weißflog, Heinrich Laube, David Friedrich Strauß, Bettina von Arnim, Heinrich Heine, Varnhagen von Ense, Theodor Mundt, Ludmilla Assing, die beiden Humboldts, Ida Hahn-Hahn und Eugenie John (die Marlitt) sind einige Namen, die genannt werden müssen. Weniger bekannt dürfte Heinrich Seidel sein, seine Rolle war die eines Hofdichters und Maître de plaisir in den ersten Muskauer Jahren. Er und Leopold Schefer werden in Band drei und vier von Tutti Frutti seitenlang derb-drollig karikiert.

Mit an der Branitzer Tafel saßen Heinrich Laube, der in Muskau eine „Festungshaft“ verbüßte und eine vierbändige Literaturgeschichte schrieb, der wir bemerkenswerte Einsichten in das Privatleben Leopold Schefers verdanken; Herr Professor Mund(t) und Gemahlin – kaum jemand weiß noch, daß Klara Mundt ebenfalls eine bekannte Schriftstellerin war und unter dem Pseudonym Luise Mühlbach 260 Romane auf den Markt brachte – Varnhagen von Ense und Ludmilla Assing.
Ludmilla Assing (1821-1880), eine Nichte Varnhagens, hielt sich im Juni 1867 für 14 Tage in Branitz auf und sichtete gemeinsam mit dem Fürsten Pückler dessen literarischen Nachlass, den Billy Masser zuvor bereits in die von Ludmilla Assing übernommene und noch heute gebräuchliche Ordnung gebracht hatte. Den nahezu gesamten Nachlaß erbte sie 1871 und stellte daraus die neun Auswahlbände Briefwechsel und Tagebücher (1873-76) zusammen und verwendete ihn für ihre 1873/74 erschienene, zweibändige Pückler-Biographie. Trotz einiger inzwischen nachgewiesener Mängel ist ihre Biographie noch immer das Gerüst, an dem sich jeder Pückler-Biograph entlang hangelt.
Varnhagen von Ense (1785-1858), Privatier, Publizist und bedeutender Zeitzeuge, besuchte Pückler zusammen mit seiner Nichte im Jahre 1858, dem Jahr seines Todes. Er war, nachdem der Bruch mit Schefer sich angedeutet hatte, zum Vertrauten und Lektor Pücklers geworden, die orientalischen Reiseberichte Pücklers gingen durch seine Hände. Er gehörte zu jenen, die stets zu Pückler hielten, weil sie nämlich einen seiner markantesten Wesenszüge erkannten und zu seinen Gunsten interpretierten; eine Eigenschaft, so Pückler an Lucie, „(...) die auch mir selbst ein Rätsel ist, nämlich bei beispielloser Offenheit, die auf nichts Rücksicht nimmt, doch eine meisterhafte Verstellung. Diese Verstellung ist aber keineswegs studirt oder künstlich, sondern meine Natur, weshalb auch fast Jeder, der in näheren Beziehungen mit mir gestanden hat, mich anders, bald nachtheiliger, bald vortheilhafter beurtheilt.“
Schefer besuchte Branitz nur einmal, und zwar 1852, die Tafelbücher enthalten also auch seinen Namen nicht. Sein Besuch galt ohnehin mehr der Fürstin als dem Fürsten, mit dem ihn nur noch wenig verband. Dabei hätten wohl gerade diese Beiden den meisten gemeinsamen Gesprächsstoff gehabt. Doch die Jugendfreunde waren verschiedene Wege gegangen, hatten verschiedene Erfahrungen gemacht und verschiedene Ansichten erworben. Hauptsächlich hatten sie sich wegen der Schriftstellerei entzweit; Schefers Eingriffe in Pücklers Manuskripte zu Semilasso in Afrika, Der Vorläufer und Südöstlicher Bildersaal, die er im Auftrag Lucies vorgenommen hatte, hatten Pückler überaus mißfallen.

Schefer war ebenfalls kein Kostverächter. In seiner Novelle Volk ohne Magen beschäftigte er sich, neben der Liebe natürlich, nur mit dem Essen, und in Das große Musikfest gibt es eine lange Episode über das Zuviel und Zuwenig dabei (zu finden auch in der kleinen Prosa-Auswahl Später Abend mit goldenem Rand). In seinen Tagebüchern finden sich viele Einträge mit Bezugsquellen für Delikatessen und ähnliches, wie „Franz Schulze, Berlin, Mohrrübenbonbons“, „Vollst. Wurstbuch, e. Anw. z. Schlachten, Räuchern, Poekeln 48 S. verbess. 3te Aufl. 2 ½ Sgr.“ oder Punsch- und andere Rezepte.
Bevor wir uns dem Gast des Menüs widmen, wollen wir noch einen weiteren Besucher des Fürsten erwähnen, der als Schriftsteller völlig vergessen ist, obwohl er sehr engagiert gewesen sein muß. Fast alle Bücher des Cottbusers Friedrich Wilhelm August Drabitius (1815-1888) erschienen im Eigenverlag. Die zu Lebzeiten Pücklers noch erschienenen Titel, die in der Staatsbibliothek Berlin erhalten geblieben sind, lauten:
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Menschengeschlechts, Oder: Welches ist das Endziel aller politischen, socialen und religiösen Bewegungen unserer Zeit? Cottbus 1849,
Ganz-Behandlung eines an Congestiozustand und Augenschwäche leidenden Patienten durch den Pr. med. Adolph Dreßler, Cottbus 1861,
Himmelreich auf Erden: Eine Divination der Zukunft, Cottbus 1870.
Ueber den Klatsch und Quatsch in unseren Zeitungen erschien erst 1885 in Berlin – das Werkchen hätte Pückler sicherlich Freude gemacht.
Möglicherweise war „unser“ Drabitius sogar ein Nachfahre jenes Laurentius Drabitius, der schon im 16. Jahrhundert Bücher schrieb, und/ oder des Nicolaus Drabicius, der 1757 Merkwürdige Prophezeyungen des berühmten Nicolai Drabicii, Philippi Melanchtons und D. Philippi Theophrasti Paracelsi herausgab. Auch einen Freimaurer namens Drabitius, einen Johann Wilhelm Benjamin, hat es in Cottbus gegeben.
Gast (Gästin?) des gleich folgenden zweiten Menüs war jedoch „Fräulein Zink“ eine Schriftstellerin, von der man heute ebenfalls kaum noch etwas weiß. Das Lexikon deutscher Frauen der Feder von Sophie Pataky weiß aber einiges.
Jenny Zink-Maishof (1849-1904) war Schauspielerin und Schriftstellerin, hatte Auftritte in Pest, Prag und Wien, übersetzte die Madeleines repenties von Dumas fils, veröffentlichte Novelletten und Gedichte. 1871 zog sie sich auf ihr Gut Maishof zurück, im Winter bezog sie Wohnung in Wien. Sie trieb wissenschaftliche und literarische Studien, unternahm jährlich Reisen nach Frankreich, Italien, der Schweiz usw., betrieb eine kleine landwirtschaftliche Musterwirtschaft, schrieb landwirtschaftliche Artikel für die „Neue Freie Presse“ und „Hitschmanns Wiener landwirtschaftliche Zeitung“. Sie war ständige Feuilletonistin des „Neuen Wiener Journals“, aktiv in der Frauen- und Friedensbewegung (Vicepräsidentin des Litterarisch-Künstlerischen Vereins zur Verbreitung der Friedensidee und Ausschußmitglied des Vorstandes des Vereins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien). Unter dem Pseudonym P. F. Jezma schrieb sie Romane und Noveletten. In der Staatsbibliothek Berlin nachgewiesen sind Das Buch für die Hochzeitsreise (1890), Heutzutag (1894), Die Tochter des Intendanten (1898) und eine Novelette in Ein Preisausschreiben: Künstler-Novelletten, herausgegeben von G. Kamberg (1889). Vorhanden ist davon nur noch die Anthologie, alles andere ist als Kriegsverlust verbucht. Fräulein Zink besuchte den Fürsten vermutlich während einer ihrer Reisen. Das Menü, das sie „erwischte“, will zu einer jungen Dame gar nicht so recht passen – ob die beiden Schwerenöter „Herr Fürst und Herr Billy“ es eigens für die „Emanze“ zusammenstellen ließen ...?
Wer wann und eventuell warum mit (oder auch ohne) Fürst Hermann von Pückler-Muskau an der Branitzer Tafel saß,
was zum Diner serviert wurde, wie es zubereitet wurde und wie man es heute nachkochen kann,
das steht in dem "Fürst-Pückler-Kochbuch" mit dem verheißungsvollen Titel:
TAFELN WIE FÜRST PÜCKLER - EIN UNTERHALTSAMES KOCHBUCH
Daß es nicht als Kulturpixel hier steht, hat einen plausiblen Grund:
Auch der Autor und sein Verleger brauchen und wünschen sich ein paar Dinge zum Leben,
zum Beispiel hin und wieder einen Rinderschmorbraten mit Rotkohl und Klößen und zum Dessert ein Fürst-Pückler-Eis.
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