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Tafeln mit den Einheimischen

Naturgemäß sind die Cottbuser Honoratioren an Pücklers Tafel stark vertreten, denn Pückler brauchte sie.
Buchhändler Meyer und Nachfolger Redlich mußten für Lektüre sorgen. Lesen und schreiben, besonders von Briefen, waren Pücklers liebste Beschäftigungen schlechthin. Seine ererbte Bibliothek enthielt an die 10.000 Bände aus allen Wissensgebieten, Zeitgenössisches wurde von ihm kontinuierlich angeschafft. Ihn interessierte alles. Zuletzt las er am liebsten – die Aufzählung liest sich wie ein Resümee seiner geistigen Entwicklung – Friedrich Bodenstedt (den lebensprallen Orientalisten), Schopenhauer (den Pessimisten schlechthin) und die Russen (naturalistisch-sentimental), dazu die Gartenlaube (mit der Marlitt – gefühlvoll und sozialkritisch). Seine Bibliothek gehört heute zu den ganz wenigen und, da Kulturverfall vor dem Adel nicht halt macht, noch immer weniger werdenden historischen Bibliotheken Mitteldeutschlands. Die intakt in das vereinte Deutschland gekommene wertvolle Bibliothek seines Schwiegervaters hatte leider nicht das Glück, an verständnisvolle Erben zu geraten. Sie verkauften Schloß und Bibliothek; der neue Eigentümer, ein Sparkassen- und Giroverband, bestückt die alten Regale jetzt mit neuen Büchern.
Weiter mit den Cottbusern. Die Gymnasiumsdirektoren Tschirner und Purrmann brauchte er zur Unterhaltung und Belehrung; der Oberbürgermeister Leopold Jahr und der Superintendent der Oberkirche, Christoph Ebeling, – man kann es sich denken – waren zu Vielerlei nützlich, und ganz wichtig für den etwas hypochondrischen Pückler waren natürlich seine Ärzte. Sie werden in den Tafelbüchern ebenso zahlreich genannt wie die Krügers. Zu ihnen gehörten die Doktoren Richter, Malin und Liersch – von der Familie Liersch hörten wir schon –, die sich im Beisein des Herrn Apothekers Rabenhorst um den allerletzten Willen Pücklers kümmerten:
„Das Herz wurde demnächst in eine Glasphiole gelegt und mit sieben Pfund concentrirter Schwefelsäure übergossen, wodurch es sehr bald in eine dunkelschwarze, formlose Masse umgewandelt wurde. Die Glasphiole wurde in eine kupferne Urne gestellt und diese dann verlöthet. Der geöffnete Leichnam hingegen wurde nach leichter Umhüllung mit einem feinen Laken in einen Metallsarg gelegt und mit einer Mengung von Aetznatron, Aetzkali und Aetzkalk durch und durch getränkt. Es wurden hierzu zehn Pfund Aetznatron, zwanzig Pfund Aetzkali und fünfundzwanzig Pfund Kalkhydrat gebraucht.
Es war nicht etwa eine gewisse Eitelkeit des Fürsten, seine irdischen Ueberreste auf nicht gewöhnlichen Wege der Erde übergeben zu lassen; es war ihm nur ein Gräuel, einst den Würmern anheimzufallen und befürchten zu müssen, daß seine Gebeine zerstreut und verworfen werden könnten.“
So kann ein letzter Liebesdienst verständnisvoller Ärzte aussehen. Ein wenig zweifeln darf man wohl an der Abwesenheit jeglicher Eitelkeit, doch es sei, wie es sei - die Würmlein (fressen „frisch Keimlein-Blatt“) bekamen von dem Fürsten nichts.

Die Gerichtsdirektoren Sturm und Hartmann wurden für die immer wieder neu zu regelnden Erbangelegenheiten und zur Abwicklung der mannigfaltigen Rechtshändel des streitbaren Fürsten benötigt.
Von dem Oberinspektor des Cottbuser Zentralgefängnisses Grovermann brauchte er preiswerte Häftlinge für die umfangreichen Erdarbeiten in der platten Branitzer Sandwüste. Die Strafgefangenen kosteten ihn pro Kopf und Tag fünf Silbergroschen und eine Mittagsmahlzeit. Für Lohnarbeiter, so der Fürst, hätte er das Dreifache gebraucht, außerdem hätten sie Wohnraum bekommen müssen.
Eisenbahnbaumeister Eckolt mußte die Eisenbahnstrecke Berlin-Görlitz um den Park herumleiten. Ein Artikel Volkmar Herolds in Blühende Landschaften (Berlin 2002) beleuchtet die Affäre. Ein Konsortium, ausgerechnet ein englisches, plante den Bau der Strecke mitten durch den Park. Alle Versuche Pücklers, sich die Bahn vom Leibe zu halten, fruchteten nicht, so daß er sich am 25. September 1864 entschloß, an den König zu schreiben: „Ich habe einem rein wohlthätigen und künstlerischen Zweck hier unsägliche Mühe und weit über 300.000 rt. geopfert.“ In dem eine Woche später geschriebenen Brief an eine namentlich nicht bekannte Schauspielerin legte er noch einmal 100.000 Taler zu: „Die mehr als 400.000 Thlr., welche mich seit 18 Jahren diese gemeinnützigen Anlagen gekostet...“ – und erklärte auch ihr, daß er nicht vorhabe, sich mit „der täglichen und nächtlichen Musik des Pfeifens der Lokomotive so aus erster Hand“ zu arrangieren, und er wolle Branitz verkaufen. So sehr trieb ihn der Ärger um.

„Seine Majestät, der König Wilhelm I. von Preußen, legte kurzerhand fest, daß die Trassenführung zu ändern und die Bahn in weitem Bogen um den Park herum zu führen sei. Aus diesem Grund verläuft die Görlitzer Bahnlinie in Cottbus parallel der Bautzener Straße, um dann an den Madlower Schluchten die Spree zu überqueren“ (Volker Herold). – Wohl dem, der solche Freunde hat.
Beinahe hätten wir es vergessen: Es waren nicht nur Honoratioren, die an der Tafel des Fürsten Platz nehmen durften. Am 29. April 1869 gehörte z.B. der Maurermeister Schneider zur fünfköpfigen Tafelrunde, ein andermal saß der Kreissekretär Fechner mit am Tisch. Offiziere der Cottbuser Garnison sorgten für handfeste Männerrunden.
Wer wann und eventuell warum mit (oder auch ohne) Fürst Hermann von Pückler-Muskau an der Branitzer Tafel saß,
was zum Diner serviert wurde, wie es zubereitet wurde und wie man es heute nachkochen kann,
das steht in dem "Fürst-Pückler-Kochbuch" mit dem verheißungsvollen Titel:
TAFELN WIE FÜRST PÜCKLER - EIN UNTERHALTSAMES KOCHBUCH
Daß es nicht als Kulturpixel hier steht, hat einen plausiblen Grund:
Auch der Autor und sein Verleger brauchen und wünschen sich ein paar Dinge zum Leben,
zum Beispiel hin und wieder einen Rinderschmorbraten mit Rotkohl und Klößen und zum Dessert ein Fürst-Pückler-Eis.
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