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Ein allerletztes Kapitel

„... fern von der langweiligen und unbequemen sogenannten großen Welt ...“

Man schafft es selten, von anderen gut gekannt zu werden,
noch die anderen grundlegend zu kennen.
Hermann von Pückler-Muskau


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Foto © Wolf Harald Liebig, Bad Muskau


Noch über 50 Jahre nach seinem Tode soll der Fürst Pückler mit einem Souvenir von der Orientreise zu einer „Delikatesse“ beigetragen haben. Das Berliner Tageblatt brachte am 13. Juli 1926 ein Feuilleton Alfred Richard Meyers mit dem Titel „Fünftausend Frösche à fünf Pfennig“. Der Verfasser bemerkt darin auf seinem wohl fiktiven Spaziergang durch den Muskauer Park Frösche fangende Kinder und erfährt von einem Mädchen: „Die Komtesse Freda Antoinette von Arnim, die Tochter unseres gräflichen Herrn, feiert übermorgen Hochzeit mit dem Fürsten Alexander zu Dohna-Schlobitten“; des weiteren, daß fünftausend Frösche à fünf Pfennig zu fangen seien für die festliche Froschschenkelsuppe und „es fehlen nur noch etwa 200 Frösche von den verlangten fünftausend.“ Bei den bedauernswerten Fröschen handelte es sich, nach Meyer, um die zahlreichen Nachfahren einiger Ochsenfrösche, die Pückler im Sommer 1837 aus der alten Provinz Senaar vom Zusammenfluß des Dender mit dem blauen Nil mitbracht haben sollte. Dazu ist jedoch zu sagen: In Afrika gibt es keine Ochsenfrösche! Die leben – oder lebten damals – ausschließlich in Nordamerika. Wir erwähnten anfangs schon, wie wichtig Details sein können ... – Davon abgesehen: Der Spaß hätte dem Fürsten sicher gefallen.

Hermann von Pückler gehörte zu jenen seltenen, liebenswerten Naturen, bei denen eine merkwürdige Melange aus Naivität und Cleverness dazu führt, daß sie von oberflächlich Urteilenden für suspekt gehalten werden, während nur die Wohlmeinenden hinter der schrillen Fassade den unsicheren Menschen und sein Mühen um Wahrhaftigkeit entdecken. Wie Pückler selbst sich sah, geht aus den drei Zitaten hervor, mit denen wir unser Buch abschließen wollen. Sie stammen aus seinen letzten Lebensjahren.

In seinem fragmentarischen Tagebuch hielt Pückler im Oktober 1861 fest: „Ich habe oft Ursache, mich über eine Schwäche meines Charakters zu grämen, die in Folgendem besteht: Mein natürlicher Beruf ist ganz ausgemacht, um ruhig und glücklich zu leben, der: mehr mit Büchern und der Natur als in dem, was man Gesellschaft nennt zu leben und zugleich künstlerisch ästhetisch in jener äußeren Natur selbständig zu schaffen.“

Mit Bezug auf unser Thema schrieb er am 18. Februar 1860 an Ludmilla Assing: (...) ich habe nie begreifen können, wie so viele Menschen die Einsamkeit wie eine Calamität scheuen und ihr die insipideste* Gesellschaft vorziehen mögen. Nur bei Tische habe ich gern indifferente Mitesser.“

Und am 30. Oktober 1866 schrieb er in sein Tagbuch: „Mein 81jähriger Geburtstag. Ich fuhr ganz allein zur Fischerhütte am Plattensee, in einem weiten Kiefernwald, einige Meilen von Berlin, trank selbst auf meine Gesundheit in dem vortrefflichen Rosa-Champagner aus meinem Keller, machte einen langen Spaziergang im Walde und um den See, befand mich wohl in der lieblichen Einsamkeit, fern von der langweiligen und unbequemen sogenannten großen Welt, und fuhr erst in dunkler Nacht sehr heiter und befriedigt nach der Stadt zurück. Der angenehmst verlebte Geburtstagsanniversario seit vielen Jahren.“

Seine letzte Mahlzeit nahm der Fürst am 26. Dezember 1870 ein. Anwesend waren „Der Herr Fürst, Herr Kreisgerichtsdirektor Sturm, Herr Hauptmann Schlüßer, Herr Billy.“ Die Mahlzeit diente wohl der Absprache letzter Verfügungen und dem Arrangieren seines Begräbnisses. Sie bestand aus acht etwas ungewöhnlichen Gängen. Es wurden Austern, Wildpretsuppe von Reh, Sardinen mit Caviar, Ragout melé, Pute gebraten, Salat und Compotte, Cardy, Weingelee mit Früchten, 1. und 2. Dessert, zu den Gerichten Xeres, Bordeaux, Rheinwein, Champagner Bouzy, und zu den Desserts English Ale und Car[c]avellos aufgetragen.

Eine rasch fortschreitende Altersschwäche nahm dem reiselustigen Weltmann die Kräfte. „Schmerzlos, ruhig und mit Grazie“, ganz wie er ihn sich gewünscht hatte, war sein Tod. Vorher hatte er noch sein Lieblingspferd grüßen lassen und dann angeordnet: „Man öffne mir den Weg zum Tumulus“.

Am 9. Februar 1871, einem unfreundlichen Wintertag mit 10 Grad Kälte, wurden Pücklers sterbliche Überreste mit einem Schlitten über das Eis des Pyramiden-Sees in den monumentalen Erdhügel gebracht und bestattet. Nicht ganz so romantisch, wie der Fürst sich das einst ausgemalt hatte – in einem Nachen sanft dahingleitend – doch in aller Stille. Die Natur hatte sich ihm ein letztes Mal als die wahre Meisterin über das Leben gezeigt.


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Foto © Arielle Kohlschmidt, Klein-Priebus


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