Der falsche Pückler schnalzte mit der Zunge
Von Beowulf Kayser
Mit Anmerkungen von biF
Ich kenne niemanden,
der so oft Recht hat wie ich.
Arno Schmidt.
Unter der Überschrift „Der falsche Pückler schnalzte mit der Zunge“ stellte Beowulf Kayser am 1. Juni 2010 in der SZ eine „Fürst-Pückler-Torte“ zum 225. Geburtstag des Fürsten vor. Über dieser Vorstellung hätte aber auch „How to make money with candy“ oder „Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ stehen können. Man muß den Artikel großflächig zitieren, damit sich das Artistische der erneuten Rückkopplung auf altbackene Klischees voll und ganz erschließt. Die Hervorhebungen im Folgenden (fett) sind von mir:
Den zahlreichen Schaulustigen ist Mitte Mai im Cottbuser Schloss Branitz das Wasser im Munde zusammengelaufen. Selbst der falsche Pückler – der Cottbuser Künstler Michael Apel – schnalzte bei der Verkostung der „Fürst-Pückler-Torte“ des städtischen Konditors und Cafébesitzers Carsten Hajek mit der Zunge. „Das süße Backwerk soll einer der Höhepunkte zum 225. Geburtstag von Hermann Fürst von Pückler-Muskau sein“, sagte der Direktor der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz, Gert Streidt.
Die nach einer historischen Rezeptur des grünen Gartenfürsten, Weltenbummlers und Literaten (1785-1871) geschaffene Kreation könnte im Jubiläumsjahr sogar zum Cottbuser Verkaufsschlager werden. Die dreischichtige Torte mit einer Füllung aus Erdbeer-, Vanille- und Schokoladencreme sowie einem in Kirschlikör getränkten weißen und dunklen Schokoladenbiskuit gibt es ab sofort in der traditionellen „Conditorei & Café Lauterbach“ in der Spremberger Straße in Cottbus und auch in eckiger Form zum Versand in alle Welt.
„Wir haben jede Tortenschicht so verfeinert, dass sie in jeder Hinsicht dem Pücklerschen Original sehr nahe kommt“, sagte der 60-jährige Hajek der SZ. Krönung sei das historische Wappen des Fürstenhauses aus Marzipan auf dem Backwerk. Bei der Rezeptur habe man in den alten Tafelbüchern von Pückler aus den Jahren von 1854 bis 1870 und auch in den Aufzeichnungen des im Jahr 1900 aus Sachsen nach Cottbus übergesiedelten, ehemaligen „Sächsischen Hoflieferanten“ und Konditors Max Lauterbach gestöbert.
Aus den lukullischen Aufzeichnungen des Fürsten Pückler geht hervor, dass außer der Pückler-Torte noch 33 andere Naschwerke, wie Torten, Kuchen und Törtchen als fürstlicher Nachtisch nach den Hauptgängen serviert wurden. Das jetzt geschaffene Tortenwerk basiert auf dem legendären „Fürst-Pückler-Eis“. Im Gegensatz zur Torte stammt aber die Rezeptur der Sahnespezialiät mit den drei verschiedenen Eissorten, die gemeinsam eingefroren werden, nicht von Pückler.
Das bekannte Eis wurde erstmals 1839 vom Königlich-Preußischen Hofkoch Louis Ferdinand Jungius in seinem Kochbuch erwähnt und Fürst Pückler gewidmet. Richtig über die Landesgrenzen bekannt wurde die köstliche Leckerei jedoch erst durch den Berliner Konditor Schulze. Er benannte das dreischichtige Leckeis „Fürst-Pückler-Eis“. Die Cottbuser Parkstiftung und auch ihr sächsischer Pendant in Bad Muskau wollen den Fürsten im 225. Jubiläumsjahr aber nicht nur mit Eis und der legendären „Fürst-Pückler-Torte“ ehren und so seine Glanzleistungen als Gourmet in den Blickpunkt stellen.
So weit, so schlecht. Kurzum: Konditormeister Schul(t)z(e) ist anwesend, obwohl längst klar geworden ist, daß es sich bei diesem Zuckerkünstler um eine Fiktion handelt; wieder einmal wird behauptet, die Tafelbücher des Fürsten Pückler enthielten Rezepte (das tun sie eben nicht); Pückler hat keine „lukullischen“ Aufzeichnungen hinterlassen, denn das konnte nur Lukullus selber, aber auch in dem Vielen, das der Fürst aufschrieb, kommt nichts von dem oben Behaupteten vor; was die Aufzeichnungen Max Lauterbachs enthalten mögen, sei dahingestellt, der Artikel jedenfalls erklärt es nicht.
Darüber hinaus wirft der Artikel einige Fragen auf: Was ist ein „Fürstenhaus“? (Hausaufgabe!) Wie schafft es eine soeben erst kreierte Torte, legendär zu sein? (Was ist eine „Legende“?) Welche Glanzleistungen könnte ein Gourmet erbringen? (Ich meine: Der Koch leistet ganz sicher eine Menge, indem er eine Vielzahl an Gerichten zur rechten Zeit auf den Tisch bringt; der Gourmand, der Vielfraß, leistet auf seine Weise wohl auch etwas, indem er die Speisen so schnell, wie der Koch sie aufträgt, verputzt, – aber der Gourmet? Sitzt da, schweigt und genießt und leistet – was?) Und was – um Himmels Willen – ist ein „Leckeis“?!
(06.06.2010.)
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